Als Leukopenie bezeichnet man einen gegenüber der Norm verringerten Leukozyten-Blutwert. Bei einer Chemotherapie zur Behandlung von Krebs ist diese Veränderung nicht ungewöhnlich, denn Zytostatika greifen nicht nur die Tumorzellen an, sondern beeinträchtigen auch die Funktion der blutbildenden Zellen im Knochenmark.

Leukozyten zu niedrig

Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Leukopenie bedeutet, dass zu wenige weiße Blutkörperchen im Blutbild zu finden sind.
  2. Fatal sind die Auswirkungen einer Leukopenie, weil sie mit einer Schwächung der Immunabwehr einhergeht: Es stehen zu wenige Leukozyten und Antikörper zur Verfügung, um sich gegen Krankheitserreger wehren zu können.
  3. Leukopenie ist im Verlauf einer Chemotherapie nicht ungewöhnlich. Zytostatika beeinträchtigen das Zellwachstum, sodass vor allem schnellwachsende Zellen geschädigt werden. Das gilt allerdings nicht nur für Krebszellen, sondern auch für die Zellen des blutbildenden Systems im roten Knochenmark.
  4. Dementsprechend wichtig ist die ständige Kontrolle der Leukozyten-Blutwerte im Verlaufe einer Chemotherapie. Es muss sichergestellt werden, dass die weißen Blutkörperchen nicht unter einen kritischen Wert absinken, sonst ist der Patient jeder Infektion hilflos ausgeliefert.
  5. Das ist der Grund, warum Krebspatienten vor jeder neuen Runde Chemo erst einmal ihr Blutbild überprüfen lassen müssen. Haben sich die Leukozyten noch nicht ausreichend erholt, muss man mit der nächsten Behandlung abwarten.
Leukozyten Blutzelle
Leukozyten Blutzellen in 3D Ansicht

 

Warum ist eine Leukopenie gefährlich?

Leukopenie, genauer Leukozytopenie, bedeutet eine verminderte Zahl weißer Blutkörperchen (Leukozyten) im Blut. Das Gegenteil davon, also erhöhte Leukozytenwerte, nennt man Leukozytose.

Leukozyten stellen einen nur kleinen, aber wichtigen Teil der Blutzellen. Weiße Blutkörperchen sind die Elemente der Immunabwehr, die aus einem zellulären und einem humoralen Anteil besteht. Zellen sind die Lymphozyten, die verschiedenen Formen der Granulozyten (neutrophile, basophile und eosinophile Granulozyten) und Monozyten.

Als humoral bezeichnet man den „löslichen“ Anteil der Immunabwehr, die Antikörper, die von bestimmten weißen Blutkörperchen gebildet werden. Andere sind dafür zuständig, die Informationen über einen Antigenkontakt abzuspeichern und dafür zu sorgen, dass die Abwehr bei einem neuerlichen Kontakt mit einem Krankheitserreger wesentlich schneller auf den Plan tritt.

Dementsprechend gefährlich ist eine Leukopenie für das Immunsystem: Je weniger weiße Blutkörperchen vorhanden sind, desto weniger hat der Körper eindringenden Viren und Bakterien entgegenzusetzen.

Wie kommt es bei einer Chemotherapie zu einer Leukopenie?

Sinn und Zweck einer Chemotherapie ist es, Zellen am Wachstum zu hindern. Chemikalien, die die Zellteilung beeinflussen, DNA angreifen oder die Aufteilung der Chromosomen verhindern sorgen für einen Wachstumsstopp von Zellen, die sich gerade zu teilen versuchen, wenn sich das Zytostatikum im Körper verteilt. Das soll vor allem die Krebszellen am weiteren Wachstum hindern, denn bei ihnen versagen die Kontrollmechanismen, die gesunde Zellen vor einer ungebremsten Vermehrung abhalten, sodass sie in Dauerwachstum begriffen sind.

Leider sind die meisten Zytostatika nicht besonders spezifisch und wirken ebenso auf alle anderen Zellen. Betroffen sind vor allem solche, die wie die Krebszellen schnell wachsen. Im menschlichen Organismus gilt das für Zellen, die ständig ersetzt werden müssen und einem hohen Umsatz unterliegen. Daher fallen bei einer Chemotherapie die Haare aus und sind Haut und Schleimhäute beeinträchtigt. Die Folge sind Hautreaktionen und vor allem Beeinträchtigungen des Magen-Darm-Traktes, in dem ständig neue Zellen produziert werden. Funktioniert der Nachschub nicht richtig, äußert sich das mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfällen – Nebenwirkungen, an denen viele Krebspatienten leiden.

Weniger offensichtlich, aber nicht weniger folgenschwer ist die Beeinträchtigung der Zellen des blutbildenden Systems im roten Knochenmark. Rote wie weiße Blutkörperchen haben eine hohe Umsatzrate – Erythrozyten leben beispielsweise um die 120 Tage, bevor sie die Milz aussortiert und recycelt. Leukozyten werden „verbraucht“, je nachdem wie viel die Immunabwehr gerade zu tun hat. Daher kann bereits eine massive Infektion mit Viren oder Bakterien zu einer Leukopenie führen.

Achtung bei Chemotherapie und Leukopenie!

Eine Chemotherapie ist daher so gut wie immer mit einer Abnahme der weißen Blutkörperchen im Blutbild verbunden. Ärzte lassen daher im Verlauf einer Chemo des Öfteren die Blutwerte im kleinen und großen Blutbild untersuchen, damit der Leukozytenwert nicht unter einen kritischen Wert sinkt. Als kritisch gilt ein Blutwert von 4.000 Leukozyten pro Mikroliter (tausendstel Milliliter) Blut.

Verfolgt man diesen Leukozyten-Blutwert im Verlaufe der Chemotherapie, stellt man einen Abstieg fest, nach dem die Werte schließlich langsam wieder ansteigen. Diesen Tiefpunkt bezeichnet man als Leukozyten-Nadir.

Vor einer neuerlichen Behandlungsrunde mit Chemotherapie muss das Blutbild des Krebspatienten unbedingt überprüft werden. Liegen die Blutwerte der Leukozyten zu niedrig, muss man gegebenenfalls noch eine Weile warten, bis sie sich weiter erholt haben.

Was passiert bei einer Leukopenie infolge Chemotherapie?

Die Leukopenie im Rahmen einer Chemotherapie äußert sich in einer erhöhten Infektanfälligkeit, vor allem gegenüber bakteriellen Infektionen.

An der Front stehen Haut und Schleimhäute, die in ständigem Kontakt mit der Außenwelt und damit den Mikroorganismen stehen. Auf der Haut bilden sich besonders leicht Mitesser, Furunkel und Karbunkel, da die normalen Mitbewohner nicht ausreichend in Schach gehalten werden und tiefer als sonst in die Haartrichter eindringen.

Leukopenie und Chemo führen häufig zu einer Beteiligung der Mundschleimhaut, die zu Entzündungen (Stomatitis) und geschwürigen Veränderungen (Ulcera) führt. Oft ist das Zahnfleisch angegriffen und entzündet (Gingivitis), was im weiteren Verlauf zu Parodontitis und Zahnausfall führt.

Ebenso sind die Schleimhäute der Atemwege ständig exponiert. Ist die Immunabwehr hier nicht ausreichend zugange, kommt es zu einer ganzen Reihe von Entzündungsreaktionen wie der Nebenhöhlen (Sinusitis), des Rachens (Pharyngitis) bis hinab zur Lunge (Pneumonie).

Allgemeine Zeichen einer beeinträchtigten Immunabwehr durch Chemotherapie und Leukopenie sind Fieber und Lymphknotenschwellungen.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  • Reinhard Andreesen, Hermann Heimpel: Klinische Hämatologie. München 2009: Urban & Fischer/Elsevier-Verlag. ISBN-10: 343731498X.
  • Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. Berlin 2014: Walter de Gruyter-Verlag. ISBN-10: 3110339978.
  • Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2016: G. Herold-Verlag. ISBN-10: 3981466063
  • Wolfgang Piper: Innere Medizin. 2. Auflage. Stuttgart 2012: Springer-Verlag. ISBN-10: 3642331076.
  • Marlies Michl: BASICS Hämatologie. München 2016: Urban & Fischer/Elsevier-Verlag. ISBN-10: 3437421697.
► Letzte Aktualisierung am von Dr. rer. medic. Harald Stephan